© Eduard-Mörike-Gymnasium Neuenstadt a. K.
Stasi-Zeitzeuge Mario Röllig zu Gast am EMG Bereits   zum   zweiten   Mal   besuchte   Stasi-Zeitzeuge   Mario   Röllig   aus   Berlin   das   EMG.   Im vollbesetzten    Musiksaal    hielt    er    für    die    Kursstufe    2    einen    Vortrag    und    stellte    sich anschließend den Fragen der Schülerinnen und Schüler. Spannend,   facettenreich   und   differenziert   erzählte   er   von   seinem   Leben   in   der   DDR. Geboren   1967,   wuchs   Mario   Röllig   in   Ostberlin   auf.   Wiederholt   betonte   er,   dass   es   ihm in    seiner    Kindheit    und    Jugend    durchaus    gut    gegangen    sei.    Dass    er    in    einem Unrechtsstaat lebte, sollte er erst viel später erkennen - und hautnah erfahren. Schon   früh   gab   es   jedoch   Konflikte   mit   Vertretern   eines   Systems,   das   auf   Konformität   im äußeren   Erscheinungsbild   aber   auch   im   Denken   setzte.   So   trug   er   unbedachterweise zur    Einschulung    im    Herbst    1974    ein    T-Shirt    mit    dem    Bild    seines    Idols    Franz Beckenbauer - einem „imperialistischen Klassenfeind“. Wegen   dieser   und   anderer   Konfrontationen   bescheinigte   man   ihm   gegen   Ende   seiner Schullaufbahn     ein     „unzureichend     entwickeltes     sozialistisches     Bewusstsein“     und verwehrte   ihm   den   Zugang   zu   Abitur   und   Studium.   Mario   Röllig   absolvierte   also   eine Ausbildung   zum   Restaurantfachmann.   Am   Flughafen   Schönefeld   fand   er   eine   lukrative Anstellung,    da    sein    Kellnergehalt    durch    üppige    Trinkgelder    von    Reisenden    aus Westberlin aufgestockt wurde. Alles    schien    also    gut    zu    laufen    und    Mario    Röllig    verschwendete    weiterhin    keinen Gedanken   daran,   das   Land   zu   verlassen.   Doch   dann   verliebte   er   sich   während   eines Urlaubs   in   Ungarn   in   einen   Wirtschaftspolitiker   aus   dem   Westen   und   geriet   endgültig   ins Visier   der   Stasi.   Nicht,   wie   er   betonte,   wegen   seiner   Homosexualität,   sondern   weil   er seinen Freund bespitzeln und erpressbar machen sollte. Als   er   dies   verweigerte,   bekam   er   die   Macht   des Apparates   zu   spüren   und   verlor   seinen attraktiven   Arbeitsplatz.    Drohungen    mit    weiteren    Repressalien    gegen    ihn    und    seine Familien   bewogen   ihn   dann   im   Alter   von   19   Jahren   dazu   seine   Flucht   über   Ungarn   zu planen.   Der   Fluchtversuch   im   Sommer   1987   scheiterte   dramatisch,   weil   Mario   Röllig   in Sichtweite der grünen Grenze stürzte und festgenommen wurde. Nach   seiner   Verhaftung   wurde   ihm   von   Stasi-Offizieren   mitgeteilt,   sein   Fluchtversuch gefährde   den   Weltfrieden   und   beschwöre   die   Gefahr   eines   Atomkriegs   herauf.   Diesem geradezu     lächerlichen     Vorwurf     stand     allerdings     die     gnadenlose     Realität     des Häftlingsalltags     im     Stasi-Gefängnis     Hohenschönhausen     gegenüber.     Mario     Röllig berichtete   von   Psychoterror   und   tausend   Schikanen   im   Verhör   und   in   der   Zelle,   die darauf abzielten die Persönlichkeit zu zerstören und die teilweise bis heute nachwirken. Über   Kontakte   im   Westen   gelang   es,   ihn   im   Frühjahr   1988   durch   die   Bundesregierung freikaufen   zu   lassen   -   den   Tag   seiner   Ankunft   im   Westen   feiert   Mario   Röllig   seither   als seinen zweiten Geburtstag.  Allerdings   verlief   auch   das   neue   Leben   in   Freiheit   nicht   ohne   Nackenschläge,   denn   nach dem   Mauerfall   1989   holte   ihn   seine   Vergangenheit   ein.   Unter   anderem   begegnete   er einem    Stasi-Offizier    wieder,    der    ihn    im    Gefängnis    verhört    hatte    und    darin    keinerlei Unrecht   erkennen   wollte.   Auch   das   Wiedersehen   mit   seiner   großen   Liebe   geriet   zum Schock, weil dieser als verheirateter Familienvater ein Doppelleben führte. Doch   Mario   Röllig   überwand   auch   die   von   diesen   Erfahrungen   ausgelösten   depressiven Phasen,   die   in   fast   in   den   Suizid   trieben.   Heute   lebt   er   wieder   in   Berlin   und   ist   als Zeitzeuge   in   Hohenschönhausen,   Buchautor   und   Referent   ein   national   und   international gefragter   Mann.   Seine   Vortragsreisen   führten   in   diesem   Jahr   bis   in   die   USA   und   nach Südamerika.   Im   November   lief   die   Dokumentation   „Der   Ostkomplex   -   die   Geschichte   des Mario Röllig“ in den Kinos an. Schließlich      endete      nach      neunzig      Minuten      die      packende      Schilderung      einer außergewöhnlichen    Lebensgeschichte,    die    die    Schülerinnen    und    Schüler    mit    viel Applaus bedachten. Martin Leptich Hier ein paar Eindrücle in Bildern.
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